Lebst du schon oder schläfst du noch?

Moin, Moin!
Zur Zeit lese ich viele Texte, die aus der Gründungszeit der Basisgemeinde und deren Umfeld stammen. Und so fand ich einen ziemlich guten Artikel in einer Broschüre zum Thema ‚Die Kennzeichen der Kirche‘.
Dieser Text stammt von Johann Baptist Metz (katholischer Theologe) über den Lebenszusammenhang der Nachfolge:

Glaube und Zukunft: Beide Begriffe verlocken zu einem beziehungsreichen theologischen Gedankenspiel, bei dem dann freilich jede Ähnlichkeit mit gegenwärtigen Verhältnissen rein zufällig wäre. Ich will versuchen, dieser Verlockung zu widerstehen.

– Das Leitwort des Katholikentages „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“ (nach Jeremia 29, 11) ist ein biblisches Wort, das ursprünglich zu einem Volk gesprochen wurde, das ohne dieses Verheißungswort überhaupt keine Zukunft hatte. Auch Jesus verkündete, etwa in der Bergpredigt, seine Zukunft vor Menschen, die ohne ihn und ohne seine messianischen Verheißungen keine Zukunft hatten.

Wenn dagegen unsere Kirche – und ich spreche von unserer bundesrepublikanischen Kirche, von der Kirche in mitteleuropäischen Breitengraden – diese messianischen Worte heute wiederholt, dann spricht sie vorzüglich zu Menschen, die sehr wohl eine Zukunft haben. Sie bringen sozusagen ihre eigene Zukunft in die Kirche mit – die Mächtigen und unentwegt Optimistischen, um sie sich religiös bestätigen und überhöhen zu lassen, die Ängstlichen, um sie sich von der Religion schützen und bestärken zu lassen. Die messianischen Zukunft wird so vielfach zur feierlichen Überhöhung und Verklärung vorgefaßter bürgerlicher Zukunft und – angesichts des Todes – zur Verlängerung dieser bürgerlichen Zukunft und des in ihr mächtigen Ich ins Transzendent-Ewige.

Die messianische Religion der Bibel ist weithin zur bürgerlichen Religion im Christentum unserer Tage geworden. In dieser bürgerlichen Religion ist die messianische Zukunft aufs Äußerste bedroht. Und zwar nicht in erster Linie dadurch, dass sie zur Beschwichtigung und Vertröstung zum Opium für die zukunftslosen Habenichtse entfremdet wird, sondern dadurch, dass sie zur Bestätigung und Bestärkung für die bereits Habenden und Besitzenden gerät, für die ohnehin Aussichts- und Zukunftsreichen dieser Welt.

Die messianische Zukunft christlichen Glaubens bestätigt und bestärkt aber nicht einfach unsere vorgefaßte bürgerliche Zukunft, verlängert sie nicht, tut ihr nichts hinzu, überhöht und verklärt sie nicht, sondern – unterbricht sie. „Erste werden Letzte sein, und Letzte Erste“. Der Sinn des Habens wird durchkreuzt vom Sinn der Liebe: „Die ihr Leben besitzen, werden es verlieren, und die es gering achten, gewinnen.“ Diese Art von Unterbrechung, die senkrecht einschlägt und unsere mit sich selbst versöhnte Gegenwart stört, heißt mit einem bekannten biblischen Wort „Umkehr“, Umwendung der Herzen, metanein. Und auch die Richtung dieser Umkehr, ihr Weg, ist für Christen vorgezeichnet. Er heißt Nachfolge, Nachfolge Jesu. Darauf ist zu achten, wenn die Zukunft, zu der der Glaube befähigt, nicht von vornherein im Bannkreis bürgerlicher Religion ausgelegt werden soll.

Veränderung der Verhältnisse, sagt man gern, sei nicht Sache des Evangeliums und nicht Aufgabe der Kirche, wohl aber die Umkehr der Herzen. Das ist wahr und falsch zugleich. Die Umwendung der Herzen ist in der Tat die Schwelle zur messianischen Zukunft. Sie ist die radikalste und anspruchvollste Form der Umwendung und des Umsturzes, und dies schon deswegen, weil die Umkehr der Verhältnisse nie all das ändert, was eigentlich geändert werden müsste. Diese Umkehr der Herzen ist darum aber gerade kein unsichtbarer oder wie man gerne sagt, „rein innerlicher“ Vorgang. Er geht, wenn wir den Zeugnissen der Evangelien trauen, wie ein Ruck durch die Menschen, er greift tief ein in ihre Lebensorientierung, in ihre etablierte Bedürfniswelt und so schließlich auch in die durch die mitbestimmten Verhältnisse; er verletzt und unterbricht die unmittelbar auf uns selbst gerichteten Interessen und zielt auf eine Revision unserer vertrauten Praxis. Kurzum: er schickt auf die Wege der Nachfolge.

Wie aber steht es mit dieser Umkehr der Herzen bei uns selbst, in unserer Kirche? Gelingt sie? Wird sie immer wieder versucht? Ich möchte die Befürchtung ausdrücken (wiederum nicht denunziatorisch, sondern verunsichert und mit Trauer): Diese Umkehr der Herzen findet nicht statt – zumindest nicht in der Form, in der wir es als Christen vor uns selbst und vor anderen öffentlich bekennen. Die Krise (oder die Krankheit) unseres kirchlichen Lebens beruht nämlich nicht nur darin, dass diese Umkehr nicht oder zu wenig stattfindet, sondern dass wir das Ausbleiben der Umkehr unserer Herzen unter dem Schein eines nur geglaubten Glaubens auch noch vor uns selbst zu verbergen suchen. Kehren wir um oder glauben wir lediglich an die Umkehr und bleiben unter dem Deckmantel der geglaubten Umkehr die Alten? Folgen wir nach oder glauben wir nur an die Nachfolge und gehen dann unter dem Deckmantel der geglaubten Nachfolge die alten, immer gleichen Wege? Lieben wir oder glauben wir an die Liebe und bleiben unter dem Deckmantel der geglaubten Liebe die alten Egoisten und Konformisten?

gekürzte Ausführung des Eingangsreferats auf einem Gesprächsforum des 85. Deutschen Katholikentages 1978

In meinem Kopf schwirren zwar noch eine Reihe von Zitaten von Sören Kierkegaard oder Frank Buchman herum, aber ich belass es mal damit diesen Artikel hier vorzustellen.

 

Über menuchaprojekt

Landschaftsgärtner - Theologe - Künstler Trotz Niederlagen, Krankheiten, Scheitern und Rückschlägen ist das Leben lebenswert. Es ist die Kunst im Dschungel des Alltags zu überleben.
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2 Antworten zu Lebst du schon oder schläfst du noch?

  1. C. M. Spinner schreibt:

    Wie wahr – und vor allem das Ende des Artikels gibt zu denken:
    Sich hinter dem „Geglaubt“-Mäntelchen verstecken – und mehr oder weniger weitermachen wie bisher
    … und das (womöglich) RICHTIG finden!

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